Kapitulation

Frust. Wut. Verzweiflung. Ja, sicher, das passt nicht zum locker flockigen Ton und der zuckersüßen Erfolgsgeschichte, die ich mir so unendlich naiv ausgemalt habe.

Nein, heute packt mich das Leben, schüttelt mich und brüllt mir geifernd ins Gesicht: Verdammt noch mal, hör auf damit! Kapier endlich, in was für einer Welt Du lebst.Kapier endlich, daß es in dieser Welt keinen Platz gibt, für verrückte Träumer wie Dich!! Niemand braucht das!

Und mir fehlt jedwede Kraft zur Erwiderung, jeglicher Widerspruch. Kein flapsiger Spruch, keine Idee….Stille und Leere, in der sich bittere Tränen sammeln, Tropfen um Tropfen.

In dieser Welt sterben Kinder. In dieser Welt töten Mutter ihre Neugeborenen. In dieser Welt bringen Menschen sich um, in dieser Welt leiden Menschen unsägliche Qualen, in dieser Welt ergötzt sich die Menschheit an den Qualen anderer, in dieser Welt ist es en vogue, immer noch meht Blut und Gewalt zu verherrlichen, in dieser Welt wird gemordet, geschlachtet, vergewaltigt und sich daran erfreut.

Wie könnt Ihr, wie kann ich es ertragen, in einer solchen Welt zu leben? Ohne Gerechtigkeit, ohne erkennbaren Sinn, ohne Hoffnung? Wer teilt die Karten aus, die über Glück und Verderben entscheiden? Sind wir alle die Versuchskaninchen irrer Forscher, die gerne mal sehen wollen, wie man damit umgeht, wenn das eigene Kind von einem Psychopathen ermordet wird? Oder wie Kinder damit umgehen, deren Mutter leidet und  stirbt, einfach so, hoffnungslos??

Sicher, ich hab bisher Glück gehabt, und deswegen hab ich ja auch ein fürchterlich schlechtes Gewissen, ja, ich hab gar kein Recht dazu, mich schlecht zu fühlen oder wütend zu sein…denn: Im Vergleich zu wahrscheinlich 90 oder mehr Prozent der Weltbevölkerung müsste ich unsäglich glücklich sein, denn: Ich bin hinreichend gesund, habe genug zu essen, ein Dach über dem Kopf, eine gesunde Familie, Kinder, Mann, alles da….wie kann ich es da wagen,dennoch solch selbstsüchtige Träume zu hegen??

und doch. Ich bin unglücklich, so von Frustration erfüllt, daß ich mir wünschte, die Erde täte sich auf, um mich zu verschlingen.

Erstens: Ich schaffe es nicht, mein „wunderbares Glück“ zu genießen, jedenfalls heute nicht. Ich bin müde, erschöpft, ausgebrannt, frustriert, hohl und leer.

Zweitens: Das Wissen, dass es mit dem Glück, dass ich gerade gar nicht genießen kann, jede Sekunde vorbei sein kann, macht mich verrückt. Genieß endlich! Sei dankbar! Los, auf die Knie! brüllt die Moral. Ich knie nieder und danke, aber in mir ist Leere.

Gut, oft spüre ich große Dankbarkeit. Für meine Kinder. Für die Schönheit eines Sonnenuntergangs. Für das weiche Fell meiner Pferde.

Heute nicht. Heute hasse ich die Welt. Ihre Grausamkeit, die finsteren Nebelschwaden, die mir die Luft zum Atmen nehmen, all den Streit, die Mißgunst, die erbarmungslose Einsamkeit.

Ich hasse die Welt, weil es in ihr keinen Platz für mich  und meine Träume gibt. Ich bin angefüllt mit rotglühendem Zorn, und ich möchte die Götter, wenn es sie denn gäbe, verfluchen.

Ich möchte sie verfluchen für meine nutzlosen Gaben, meine kindischen Sehnsüchte….wozu diese Liebe zu den Worten, wenn es doch keinen gibt, der sie hören möchte?

Wozu diese Begeisterung für Musik, wenn es niemanden gibt, den meine Lieder berühren ?

Wozu all diese unnötige“G’spürigkeit“, in einer Welt, die man augenscheinlich nur ertragen kann, wenn man stumpf ist oder aber einen unerschütterlichen Glauben an einen „tieferen Sinn“ hat? In mir nagt und wütet der Zweifel. Er frisst sich durch meine Eingeweide bis in mein Herz.

Mit Freuden gäbe ich heute all meine Gaben und Talente, wenn ich dafür nicht mehr jeden Tag diesen Schmerz spüren müsste, diese lästige „Überempfindlichkeit“, diese quälende, immer präsente Gewissheit der Grausamkeit dieser Welt. Wenn ich doch statt dessen betäubt und wie die anderen Zombies durch die Welt torkeln könnte, zufrieden mit facebook, fernsehen, Handyscheiße, dem neuesten Klatsch darüber, wen der Mann der Nachbarin jetzt wieder im Bett hatte….

Ihr Götter, ich bin unfähig. Ich kapituliere vor dieser Welt.Sehe meinen albernen Träumen regungslos dabei zu, wie sie davonfliegen, im Nebel verschwinden, geräuschlos, bedeutungslos, und dann wende mich müde dem zu, was offenbar wirklich zählt in dieser Schönen Neuen Welt:

Funktionieren, Im Gleichschritt marschieren, nicht auffallen, genügend Geld ran schaffen, Klappe halten.

Meine Tränen schmecken bitter, wie pures Gift, und ich hoffe, daß sie bald versiegen, und mich ohne dieses lästige Sehnen nach Schönheit und Verständnis und einem Daseinszweck zurücklassen, auf daß ich mich endlich einreihen kann in die Armee der lebenden Toten: gleichgeschaltet, ohnmächtig, zu feige zum Sterben und zu betäubt, um den Schmerz und die erbarmungslose Schönheit dieser Schöpfung noch weiter zu spüren…

Gottesurteil

Ich möchte hier eines klar stellen. Wenn ich mir einen Gott basteln dürfte (und ich nehme an, das darf ich, als bekennende Radikalkonstruktivistin), dann stünde als oberstes Gebot im Handbuch für einen guten Gott: „Ein ernstzunehmender Gott urteilt nicht“ und weiter im Text hieße es: „Als Gott ist es nicht angebracht zu werten oder Stempel für Träume zu erteilen.“

Also, liebe Götter, Finger weg von Aussagen wie den folgenden (aus dem Leben gegriffen):

Mensch A betet um Erfüllung seiner Wünsche, Reaktion Gott: „So, aha, verstehe, Du möchtest also gerne eine Karriere bei der Deutschen Bank machen?? Wunderbar, guuutes Kind! Komm her, ich leg den Benz oben drauf…“

Mensch B fleht das Universum an, daraufhin Gott: „Was, DU möchtest auf der Bühne stehen und Musik machen? Und wie….was, ein Buch schreiben?? In Deinem Alter? In dem Outfit? Ja bist Du denn von allen guten Geistern verlassen? Okay, Kleine, vergiß es….und hier hast Du für Deine Unverschämtheit noch etwas Läusebefall für die Kinder, und zweimal die Magendarmgrippe extra large….“

Nein. Damit ist Schluß. Meine Götter machen das anders. Mein Gott stellt mir eine einzige Frage, wenn der Rauch meine Wünsche zu ihm weht: Fühlst Du Dich lebendiger, großherziger, lachender und wärmer, wenn Du tun darfst, was Du dir wünscht? Bist Du Du selbst?

Und wenn die Antwort von ganzem Herzen JA lautet, dann materialisiert er sich, und ja, er sieht gut aus, ein bißchen faltig und verlebt vielleicht, in schwarzen Lederhosen, die verbliebenen Haare lang, die E-Gitarre im Leopardenlook, und sein Grinsen ist eher diabolisch als göttergleich, als er mir begeistert auf die Schulter schlägt, den Verstärker aufdreht, und seine Stimme durch mein Herz dröhnt: Yeah Baby, ich bin dabei!Hau rein!

Man wird ja wohl auch als Gott noch ein bißchen Spaß haben dürfen…

Von Cowgirls, Rockstars und Schriftstellerinnen….

Mag sein, daß es sich tatsächlich um eine Art Midlifecrisis handelt, wie mein Mann freundlich scherzend zunächst vermutete.

Meine Kinder jedenfalls betrachten mich mit jener Mischung aus Argwohn und Faszination, die sie wohl auch einem monströsen lilapink geringeltem Regenwurm entgegenbringen würden. Meine Freundin Julia strahlt. Ich schwanke zwischen Verzweiflung und Faszination.

Die Sache ist die: Ich bin 35 Jahre alt, Mutter dreier wunderbarer Kinder, gescheiterte Akademikerin, Möchtegernaussteigerin und gefühlt seit 20 Jahren auf der Suche nach dem „richtigen“ Beruf. Um es abzukürzen: Hab vieles probiert, bin gescheitert, hab mich wieder aufgerappelt,  harte Zeiten mit gemacht, resigniert,bin wieder aufgestanden, hab mich geschüttelt, die Mütze zurecht gerückt, weitergekämpft,und mich schließlich und endlich irgendwann vor nicht allzu langer mit einem Bandscheibenvorfall in einer existentiellen Krise wiedergefunden.

Meine Talente mögen vorhanden sein, weit gefächert, alle „musisch“aber keines davon ist für ein vernünftiges Erwachsenenleben gedacht, wie es scheint. Und das in einer Familie aus intelligenten, erfolgreichen Naturwissenschaftlern.

Verzweifelt, am Boden zerstört, hadernd mit meinem „altersbedingten Verschleiß“ und den 15 kg zuviel auf den Rippen stellte mir jemand (ich Selbst?)  kürzlich die Frage:  Wovon träumst Du?

Und damit nahm das Unheil seinen Lauf. Unversehens bombardieren mich seit dem wilde Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend. Ich finde mich vor dem eingestaubten CD-Regal wieder, kostbare Raritäten aus meiner Jugend aus zerbrochenen Hüllen glaubend. Ich sitze vor den dröhnenden Boxen, die sich seit Jahren ihrer Rente sicher waren und staune, wie die Zeit vergangen ist, während Keith  inzwischen alias Mina Caputo unglaublich theatralisch abrockt und ich die Gutmütigkeit unsere Nachbarn strapaziere….ich male, anstatt die Wäsche zu sortieren und drohe meinen Kindern mit Rauswurf, wenn sie mich beim Schreiben stören.

Ich streiche die Küche, raufe mir die Haare, träume von wilden Reisen durch die kanadische Weite, singe mit Eddie Vedder und den Jungs von Bush und weiß: meine Träume sind zurück, vielleicht zum letzten Mal.

Drei Leben, die ich mir erträumt habe: Das eines Cowgirls, Rinder treibend durch die Weiten einer grandiosen Landschaft  auf einem lackschwarzen Quarterhorse, das einer Schriftstellerin, die ein malerisches Leben voller Muse und Idee und Erfolg in einem zauberhaften Haus irgendwo in den Bergen genießt, oder aber- das eines Rockstars, für den nur die Musik  und der nächste Song eine Rolle spielen…

Jaaaa. ich weiß, das geht eindeutig zu weit.  Ich hätte ja damals, vielleicht, mit viel Glück so etwas wie Barpianistin werden können, wenn ich nur dran geblieben wäre, und ja, für den örtlichen Kirchenchor hätte es sicher auch gereicht- aber Rockstar?? Erstens hab ich dazu das falsche Geschlecht (und mein Mann weigert sich trotz aller Begeisterung für all meine Verrücktheiten erstaunlicherweise felsenfest, mit einem geschlechtsverwandelten  Möchtegernrockstar zusammen zu leben) und zweitens bis 1005tens ist das einfach Schwachsinn….und trotzdem.

Eine Gitarre hat rein zufällig in den letzten Wochen den Weg zu mir gefunden. Und ab und zu ein wenig Gesangsuntericht kann ja nicht schaden….und okay, wenn ich gar nichts mehr zu tun habe….und eh nichts auf die Reihe bekommen….vielleicht probier ich es mal als Straßenmusikerin.

Vielleicht reite ich auch mit meiner Paintstute und selbstgeschriebenen Songs nach Frankfurt oder werfe den Menschen weiß geschminkt in der FuZo Haikus vor die Füße….wer weiß. Und vielleicht finden sich weitere Verrückte, die dieselbe Sehnsucht haben, sich zu  verlieren in Musik, die Zeit zu vergessen und sich zu überlassen. Hingabe an das Leben heißt das, glaube ich.

Die müde Verzweiflung der Krise ist inzwischen einer mild lächelnden Verrücktheit gewichen. Denn natürlich ist es verrückt. Aber- es fühlt sich lebendig an- und zuhause. Wir lachen jetzt viel mehr, mein Mann, die Kinder und ich. Ich merke, daß ich mich verwandle- ich hab keine Ahnung in was, ob Käfer oder Schmetterling, aber ich gehe weiter. Und wer mag, der komme mit.

Keep on rocking!